In den Puranas* gibt es die Geschichte von Bhūmi Devī, der Göttin der Erde, die im kosmischen Urozean versank, bis in den Schlamm und die Dunkelheit der untersten Welt.
Ein Asura (Schattenwesen) namens Hiraṇyākṣa hatte lange und intensive Askeseübungen gemacht. Und wenn das jemand tut, egal ob freundlich oder bösartig, dann wird das belohnt. Brahma konnte sich nicht entziehen und musste ihm einen Wunsch gewähren. Hiraṇyākṣa hat sich Unverwundbarkeit gewünscht. Kein Gott, kein Mensch, kein Tier sollte ihn töten können und er zählte alle einzeln auf, die ihm einfielen. Der Segen wurde gewährt.
Nun wurde er maßlos, mit solchen Gaben ausgestattet und mit einem Namen, der übersetzt Goldauge bedeutet, stieg seine Gier nach materiellem ins Unermessliche. Und auch die Gier nach Macht. Er unterwarf alle Lokas, die himmlischen Welten, vertrieb die Götter und Göttinnen und griff schließlich die Schöpfung selbst an.
Er packte die Erdgöttin Bhūmi Devī und stieß sie aus ihrer Bahn, hinunter in den Schlamm der untersten Welt. Aber sie versank nicht nur, weil er sie gestoßen hatte.
Sie war schwer geworden, sie trug die Last aller Verfehlungen. Es ist nichts, was man wiegen kann. Gemeint ist alles was sich ansammelt, wenn Gier und Gewalt über lange Zeit hinweg herrschen und normal werden. Wenn niemand mehr fragt, was das eigentlich mit allen macht.
Bhūmi Devī war zu schwer, um aus eigener Kraft wieder aufzusteigen. Ihr blieb nichts, als dort zu liegen und zu rufen und zu weinen, in der Hoffnung, dass sie jemand hört. Sie hörte auf, alles alleine zu tragen und rief nach Hilfe.
Der Göttin wird in fast jedem Text eine besondere Fähigkeit zugeschrieben: Kṣamā. Man übersetzt das mit Geduld, mit Nachsicht und mit der Fähigkeit zu vergeben. Sie trägt alle und alles. Sie trägt, diejenigen, die gut mit ihr umgehen. Und auch alle die auf ihr herumtrampeln und kämpfen, alles zerstören. Sie unterscheidet nicht, ob jemand es verdient auf ihr zu leben oder nicht. Es gibt eine lange Hymne, in der sie als Mutter angesprochen wird und die Sprechende als ihr Kind.
Deshalb gilt sie als Vorbild für Gleichmut. Und diese Geschichte erzählt von dem Moment, in dem ihre Geduld endet. Selbst die Erde hat eine Grenze, wenn die Last zu groß wird, hört sie auf zu tragen. Nun muss etwas anderes eingreifen. Sie repariert nichts, sie kämpft nicht – sie hört auf alles alleine tragen zu wollen. Jetzt ruft sie nach Hilfe.
Während Brahma meditiert, fällt ihm beim Atmen ein winziges Wesen aus der Nase, nicht größer als ein Stecknadelkopf. Es ist ein Eber und er wächst innerhalb weniger Augenblicke zur Größe eines Berges heran. Sein Schnauben erschüttert den Himmel.
Ausgerechnet ein Eber, weil Hiraṇyākṣa ihn vergessen hatte. Als er aufzählte, wer ihn alles nie verwunden könnte, hat er das Wildschwein vergessen. Und dieses Tier gräbt so gut im Schlamm, wie kaum ein anderes. Es ist Viṣṇu, der die Form angenommen hat, die gebraucht wird, Varāha.
Varāha springt in den Ozean und taucht hinab, das Rufen und Weinen der Erde leitet ihn. Er findet sie ganz unten, wo es am Dunkelsten ist. Dann schiebt er seine beiden Stoßzähne unter sie und hebt sie an. Vorsichtig, damit er ihr nicht wehtut, so zart er in all seiner Kraft kann.
Nun trägt er sie nach oben und legt sie auf das Wasser. Sie ist immer noch genauso schwer wir vorher, nichts hat sich geändert, sie fängt sofort wieder an zu Sinken. Er hätte ihr einen Sockel bauen können, etwas Festes unter ihr, das sie trägt. Stattdessen gibt er ihr etwas anderes, er segnet sie und nun ruht sie auf dem Urozean ohne unterzugehen.
Sie trägt sich selbst, weil sie berührt wurde.
In der Sāṃkhya -Philosophie heißt das eine Puruṣa – das Bewusstsein, das selbst nichts tut und alles bezeugt. Und das andere Prakṛti – die Natur, der Stoff, alles, was Form annimmt und sich verändert. Bhūmi Devī ist Prakṛti, Materie, die nur trägt, solange sie mit Bewusstsein verbunden bleibt.
Die Verbindung die Varāha mit ihr eingeht, ist keine romantische. Es geht darum, dass Materie alleine ‚versinkt‘. Bewusstsein ohne Materie ruht. Es ist wie eine blinde Person, die sich bewegen kann, aber nichts sieht (Prakṛti) und eine sehende, aber gelähmte Person, sie sieht den Weg, kann sich aber nicht bewegen (Puruṣa). Zusammen können sie die Welt durchwandern.
Auf dem Weg der Rettung, musste Varāha dem Mythos nach, tausend Jahre mit Hiraṇyākṣa kämpfen. Das ist aber eine eigene Geschichte für ein anderes Mal.
Vielleicht kennst diese Art von schwer werden im Kleinen. Der Einkauf nach Feierabend, der Elternsprechtag, ein wichtiger Anruf bei der Krankenkasse, die Mail, die du seit acht Tagen schuldig bist. Nichts davon ist ein Drama und jedes Einzelne wäre zu schaffen. Und dann stehst du an einem Mittwochmorgen in der Küche und der Boden ist einfach weg.
Neben dem ganzen normalen Alltag, sind ja noch mehr Verpflichtungen. Die eigenen Eltern die mehr Hilfe brauchen, das schwierige Gespräch mit der Kollegin, die Freundin mit großem Kummer, dein Herzensmensch, dem du Zeit und Aufmerksamkeit schenken möchtest.
Wenn dir plötzlich der Boden fehlt, heißt es nicht, dass du ‚falsch‘ oder zu ‚schwer‘ bist. Es heißt einfach nur, dass du zuviel zu lange alleine getragen hast. Was trägt dich? Wer hat nach dir gefragt? Worauf stehst du gerade?
In der Geschichte ist es vielleicht unerwartet. Die Erde steht auf nichts Festem, sie ruht auf dem Wasser. Und die Rettung kam nicht mit einem großen Donnerschlag, sondern begann mit etwas winzig kleinem. Was dich hält, steht vielleicht gar nicht auf der Liste dessen, womit du gerechnet hast. Es ist die Nachbarin, die den Müll mit runter nimmt, ohne zu fragen. Ein Satz, den eine Freundin vor langer Zeit gesagt hat, und an den du dich immer noch erinnerst.
Worauf stehst du? Und: Du darfst ruhen.
PS. Ich würde mich nicht wundern, wenn die Erde demnächst nochmal im tiefsten Schlamm versinkt. So viel Hass, Gewalt und bösartige Rede, hemmungsloses Verhalten und Ignoranz, wie ich momentan sehe, gab es in den 53 Jahren meines Lebens noch nicht.