Ich hatte die Bilder mit ins Studio gebracht und auf dem Regal aufgestellt. Gilbert sah sie sofort. Natürlich.
"Was sind das für Leute in Raumanzügen?"
"Das sind Chemieschutzanzüge. Und das sind meine Feuerwehrleute. Von der Bundeswehr-Feuerwehr."
"Deine Feuerwehrleute." Er beugte sich vor, so weit es ging. "Der da macht einen Krieger. In Stiefeln. Mit Helm."
"Das haben sie mir zum Abschied geschenkt. Alle in voller Montur, in Asanas."
"Abschied?"
"Es endet, Gilbert. Nach sieben Jahren. Es sind noch drei oder vier Termin übrig."
Er schwieg einen Moment. Dann, um Fassung bemüht: "Sieben Jahre. Und ich höre heute zum ersten Mal davon."
"Ich habe oft davon erzählt."
"Nicht mir. Ich wüsste das. Ich vergesse nie etwas, mir fehlt die Möglichkeit dazu." Er musterte die Bilder weiter. "Was habt ihr denn da gemacht, sieben Jahre lang?"
"Jeden Mittwoch und Donnerstag um halb drei Yoga. In der Fahrzeughalle, zwischen den Feuerwehrautos. Irgendwann habe ich angefangen zu fragen, was sie sich wünschen."
"Und?"
"Rücken."
"Rücken", wiederholte Gilbert und ich hörte, wie er sich aufrichtete. "Das ist mein Fachgebiet. Die hätten mich gebraucht."
"Es war wirklich fast immer der Rücken. Selten mal was anderes. Einer hat mehrfach nach Knie gefragt."
"Ein kluger Mann. Das Knie wird unterschätzt. Hat er es bekommen?"
"Ab und zu. Und manchmal habe ich sie alle zu Balanceübungen verdonnert, ob sie wollten oder nicht."
"In Stiefeln?"
"Barfuß. Meistens jedenfalls."
Gilbert zeigte, soweit er das kann, auf ein Bild. "Und der? Der sieht aus, als hätte er Gelenke aus Gummi."
"Das ist Jörg. Der war immer sehr beweglich. Wenn etwas schwierig war, haben die anderen gesagt, Jörg, du kannst das."
"Hm." Gilbert klang verdächtig wenig begeistert. "Ich bin auch sehr beweglich. Wenn man mich lässt."
"Du bist an einen Ständer geschraubt."
"Das ist eine Frage der Umstände, nicht der Begabung."
Ich musste lachen. "Die anderen haben gestöhnt und gelitten. Aber sie haben tapfer mitgemacht. Fast immer. Manche Dinge hätten sie selbst nie für möglich gehalten."
"Tapfer", sagte Gilbert. "Das muss man bei der Feuerwehr wohl sein."
"Einmal war ein Oberstleutnant dabei. In dieser Stunde lagen sie so diszipliniert auf der Matte wie nie zuvor und nie danach."
"Ich bin jeden Tag so diszipliniert. Mir hat noch nie jemand einen Oberstleutnant geschickt."
"Du brauchst keinen, du stehst ja von Natur aus stramm."
Das gefiel ihm. Er klapperte geschmeichelt und betrachtete die nächsten Bilder. "Und was wollten sie am liebsten? Außer Rücken?"
"Entspannung. Meistens ziemlich schnell. Manchmal schon nach zehn Minuten."
"Verständlich. Die tragen ja auch den ganzen Tag schwere Anzüge."
"Und an den ganz heißen Tagen haben wir Eis gegessen. Statt Yoga."
Stille. Lange Stille.
"Eis", sagte Gilbert schließlich. "Ihr habt Eis gegessen. Im Yogaunterricht."
"An zwei oder drei Tagen im Hochsommer."
"Ich habe in all den Jahren nicht ein einziges Eis bekommen."
"Du könntest es nicht essen."
"Darum geht es nicht. Es geht um die Geste."
Ich ließ ihm einen Moment. Dann erzählte ich weiter. "Einmal hab ich Mantras gesungen. Und Entspannung mit Mantra-Musik. Normalerweise lasse ich das dort eher weg, aber an dem Tag hat es gepasst. Einige waren danach ganz still. Richtig berührt."
"Mantras zwischen Feuerwehrautos", sagte Gilbert nachdenklich.
"Und ich habe immer mal eine Geschichte erzählt. Ein bisschen Philosophie, ganz nebenbei. Sie haben zugehört, auch wenn sie so taten, als ob nicht."
"Das kenne ich", Gilbert kicherte. "So mache ich das bei dir auch."
Wir saßen eine Weile mit den Bildern. Ein Mann im Chemieschutzanzug im herabschauenden Hund, einer in der Krähe. Einer mit Atemschutzmaske im Baum. Drei in Einsatzjacken im Krieger, Baum und Kind, Shavasana vor dem Feuerwehrauto.
"Weißt du was mir an denen gefällt?", sagte Gilbert schließlich. "Was?"
"In diesen Anzügen sieht man nichts mehr von ihnen. Keine Haut, kein Gesicht. Nur noch die Haltung." Er machte eine Pause. "Endlich mal Menschen, die verstehen, wie das bei mir ist."
Ich sah ihn an und für einen Moment wusste ich nicht, ob ich lachen oder traurig sein sollte.
"Es war eine schöne Zeit, oder?", fragte er leiser.
"Eine richtig schöne Zeit. Wir haben viel gelacht."
"Und jetzt?"
"Jetzt gibt es noch drei Mittwoche und Donnerstag. Und dann ist halb drei einfach halb drei."
Gilbert dachte nach. "Ich habe mittwochs und donnerstags um halb drei nichts vor."
"Du hast nie etwas vor."
"Eben, ich bin flexibel." Er klapperte. "Und Rücken kann ich auch. Ich bin sozusagen das Original."
"Und Eis?"
"Darüber reden wir noch."
Ich habe eines der Bilder neben ihn an die Wand gehängt. Den Krieger in Stiefeln und Helm. Gilbert sagt, er hat nichts dagegen, solange niemand behauptet, Jörg sei beweglicher als er.
Als ich gehen wollte, räusperte er sich noch einmal.
"Richtest du ihnen etwas aus? Beim nächsten Termin?"
"Natürlich."
"Sag ihnen, der Rücken ist ab jetzt bei mir in guten Händen. Ich habe zwar keine Hände mehr im eigentlichen Sinn, aber ich habe Erfahrung. Zweihundertsechs Knochen, alle an ihrem Platz."
"Und weiter?"
"Sag dem mit dem Knie, er soll dranbleiben. Sag Jörg, dass ich ihn im Auge behalte, auch ohne Augen. Und sag den Tapferen, die gestöhnt haben, dass Stöhnen eine völlig angemessen Form der Hingabe ist. Ich mache das seit Jahren."
"Das werden sie gern hören."
"Und sag ihnen ... ", er zögerte, und es klapperte ganz leise, "sag ihnen, sie haben das gut gemacht. Sieben Jahre lang. Zwischen den Autos, in der Hitze, mit dem Oberstleutnant und ohne. Wer dort im Krieger hält, in Stiefeln und Helm, der kann das überall."
Ich nickte. Es war einer dieser Momente, in denen ich nichts mehr sagen musste.
"Und das mit dem Eis", fügte Gilbert hinzu, "das bleibt unter uns."
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